Toxische Männlichkeit und Hypermaskulinität hindern, Männerforscher Christoph May zufolge, unsere Gesellschaft am Fortschritt.

Unsplash @Simone Pellegrini

Hypermaskulinität – wenn Mann zu viel Mann wird

Wir stellen noch immer die falschen Fragen, verbergen weiterhin unsere Verletzlichkeit – Männer haben genug von Männern.
Dario Bojic

Kritische Männerforschung? Was heißt das eigentlich? Im k.at-Interview mit Christoph May vom "Detox Masculinity Institute" und Katharina Mücksteins Film "Feminism WTF" gehe ich der Sache auf den Grund: Warum haben so viele Männer ein Problem mit feministischen Werten? Wie geht man mit "hypermaskulinen Männern" um? Was bedeutet es, ein Feminist zu sein? Und: Wie können wir alle unseren Teil dazu beitragen, dass unsere Welt ein bisschen besser wird?

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Was ist Hypermaskulinität?

Bei Hypermaskulinität geht es, wie der Name verrät, um ein Übermaß an Maskulinität, also Männlichkeit. Hier darf man sich die "Machos", die "Männer", die "Wölfe" vorstellen. Hypermaskulinität läuft immer dann Gefahr zu entstehen, wenn eine reine Männergruppe unter sich ist. Sobald es an der Repräsentation von anderen Geschlechtern mangelt, bewegen wir uns Stück für Stück weg von Emanzipation. May erklärt ein Beispiel: "Ein Fußballspiel ist ein hypermaskulines Setting par excellence!"

Oder: "Wenn du abends mit 'deinen drei Jungs' in eine Kneipe gehst, ist das Setting hypermaskulin!" Viele Männer fühlen sich in hypermaskulinen Settings wohl , das ist May zufolge die grundlegende Problematik. Von klein auf leben wir primär männliche Realitäten, setzen uns mit männlichen Problemen auseinander, beschäftigen uns so sehr mit der männlichen Erfahrung, dass kaum Platz für alternative Erfahrungen, Meinungen oder Realitäten bleibt.

"Ich würde sagen, dass Hypermaskulinität letztlich unsere leider immer noch extrem männlich dominierte Gesellschaft am Laufen hält, dadurch entstehen unter anderem auch Missbrauchs- und Schweigekulturen", legt May die Sachlage dar. Ein Beispiel für Missbrauchs- und Schweigekultur zugleich, wäre etwa die Causa der katholischen Kirche und ihrer zahllosen Missbrauchsfälle.

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Warum blockieren manche Männer, sobald sie das Wort "Feminismus" hören?

Im Interview erklärt May, dass viele Männer ihren Status als "privilegiertes Geschlecht" nicht wahrhaben möchten, oder viel mehr nicht aufgeben wollen. Dem Experten zufolge denken Männer fälschlicherweise, dass Feminismus das "männliche Stück vom Kuchen" schmälert, also ihre Freiheiten und Rechte vermindern würde. Viele Männer sähen im Feminismus eine Bedrohung für ihre Männlichkeit, dabei bedroht dieser nur jenes hypermaskuline, unangemessene Verhalten, zu welchem Männer oft die Freiheit haben, es an den Tag zu legen.

May erzählt aus seinen Seminaren, dass viele Männer mittlerweile beginnen zu verstehen, wie sie selbst vom Patriarchat eingeschränkt werden. Leider gibt es ihm zufolge auch genug Männer, die das gar nicht verstehen wollen. Komplettes Querstellen sozusagen – Ignoranz inklusive. Der Experte erklärt, warum diese Reaktion so häufig ist: "Den meisten Männern fällt es gar nicht auf, dass sie sich nicht nur hauptsächlich in männerdominierten Kreisen bewegen, sondern sich auch hauptsächlich nur männliche Produktionen reinziehen."

Dies ist beispielsweise auch in der Musikbranche sichtbar: "Selbst wenn eine Rapperin á la Shirin David, badmomzjay oder sogar eine Nicki Minaj Erfolg hat, wie viele Männer verdienen da dahinter?"

Männermonotonie, was ist das?

Wie bereits erwähnt bewegen sich viele Männer ihr Leben lang in männlich dominierten Echokammern: Sie hören privat nur Musik von Männern, schauen sich nur Filme mit männlichen Hauptrollen an, hören Männer-Podcasts … es nimmt kein Ende. "In meinen Seminaren lasse ich die männlichen Teilnehmer meist ihre meistgehörten Künstler:innen auf Spotify & Co. ermitteln. Da sind dann mit Garantie die ersten zehn Plätze von Männern eingenommen", erklärt May.

Dieselbe Unterrepräsentation zieht sich auch im öffentlichen Raum durch, etwa bei Panels, Diskussionsrunden und Konferenzen. Hier erklärt der Forscher: "Das Argument 'wir haben zu dem Thema leider keine Expertin gefunden' zieht einfach nicht mehr. Es gibt zuhauf feministische Karrierenetzwerke. Dieses Argument bedeutet eigentlich immer nur, dass nicht gewissenhaft gesucht wurde."

Diese Monotonie nimmt uns den Raum für andere Erlebnisse, Sichtweisen oder Erfahrungen. Umgekehrt können wir dann auch nur beschränkt wieder produzieren, es gilt aus diesem Kreislauf des "Männlichen" auszubrechen und Platz zu gewähren, für nicht-männliche Werke, Ideen und Realitäten. Ein einfaches Beispiel, welches May erwähnt: Im eigenen Bücherschrank sollte man alle Werke männlicher Autoren einmal umdrehen. Wird das Bücherregal-Bild vermehrt von Buchseiten dominiert, spricht es für sich.

Der Männerforscher pointiert: "Solange bei meinem Neffen keine Poster von weiblichen Vorbildern im Zimmer hängen, haben wir keine Gleichstellung."

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Männerforscher über die "Menosphere"

May legt vor allem feministische Lektüre ans Herz, darunter besonders Susanne Kaiser, welche in ihrem Buch "Backlash" über eine "neue Gewalt gegen Frauen" erzählt. May erklärt Kaisers Hypothese, dass die Verbreitung von toxischer Männlichkeit, jeglicher Gewaltformen gegen Frauen und Misogynie als direkte Reaktion auf die Verbreitung des Feminismus und dementsprechendem Gedankengut zu verstehen ist. Je mehr Raum die feministische oder auch queere Community für sich beansprucht, desto größer formiert sich der hypermaskuline Widerstand.

Wie bist du zum Feminismus gekommen?

Christoph May erklärt weiter, dass etwa Klaus Theweleits Buch "Männerfantasien" ihn zum Nachdenken über Männlichkeit angeregt hatte. "Eigentlich war es ein ewig langer Prozess, der im Grunde damit losging, dass ich gecheckt hab, in was für einer männlich dominierten Umgebung ich selbst eigentlich groß geworden bin", erklärt der 43-Jährige.

Wenn ich persönlich zurückdenke, erinnere ich mich daran, dass auch meine Kindheit sehr männlich dominiert war, obwohl ich von meiner Mutter allein erzogen wurde.

Zum Thema Sichtbarkeit gibt der 43-jährige Forscher einen Einblick in die Vergangenheit: zwölf Jahre verbrachte er in der Graffiti-Szene Berlins, dabei war es nie ein Thema, dass Graffiti hauptsächlich "Männersache" ist. Das Problem ist nicht offensichtlich ein Problem: Männer bleiben gerne unter sich. Geschützt durch den Mantel eines hypermaskulinen Umfelds, bildet sich dadurch ein Nährboden für jegliche Form von Gewalt. 

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Christoph May ist kritischer Männerforscher, er widmet sich, gemeinsam mit Schriftstellerin und Cofounderin Stephanie May, dem "Feminismus für den Mann von heute". Er bietet Seminare an, in denen sich Männer ernsthaft und kritisch mit ihrer Männlichkeit auseinandersetzen. "Denn für den Mann von heute ist intersektionaler Feminismus eine Lebensaufgabe, ja der Hauptgewinn, Offenbarung und Erlösung zugleich", heißt es auf der Website.